Ein trauriger Junge in einem blauen Hemd, der einen Fußball in der Hand hält, sitzt auf einer Bank. Der deutsche Text lautet: „Sonntags gehören Mama und Papa mir“, wobei „mir“ durchgestrichen ist, und auf grünem Hintergrund steht die Notiz „Herrn Genth vom HDE?“.

Handelsverbände wollen Sonntag aus dem Grundgesetz streichen

BERLIN. Ein bisschen Sonntagsöffnung hier, etwas Ladenschlusslockerung dort – darum geht es nicht mehr in der aktuellen Ladenschlussdebatte. Große Wirtschaftsverbände wollen nun den ganzen Sonntag. Eine Grundgesetz-Änderung ist im Gespräch. Sie würde alle treffen, nicht nur die Menschen im Handel.

Gibt es bald 52 Shoppingsonntage?

Der Auslöser war Punkt 24 im großen Reformpaket der Bundesregierung. Die Koalition kündigte darin an, dass ab 2027 längere Sonntagsöffnungszeiten für Bäckereien, Konditoreien und Bibliotheken gelten sollen. Während viele Bäckereifachverkäufer und Bibliothekarinnen die Nachricht verdauten, dass sie künftig wohl (noch häufiger) sonntags arbeiten müssen, legte der Handelsverband Deutschland (HDE) noch einen drauf. „Wir sollten endlich einen Schritt voran machen und den Sonntag in das Ermessen der Kaufleute und Kunden stellen“, sagte Stefan Genth, Hauptgeschäftsführer des HDE, der Bild-Zeitung. Demnach sollten nun alle Sonntage dem Handel für Ladenöffnungen und Sonntagsarbeit zur Verfügung stehen. Und Peter Adrian, Präsident der Deutschen Industrie- und Handelskammer (DIHK), sprach im Gespräch mit der Funke Mediengruppe aus, was eine solche Forderung in der Konsequenz bedeuten würde: eine Änderung des Grundgesetzes. Im GG steht:Der Sonntag und die staatlich anerkannten Feiertage bleiben als Tage der Arbeitsruhe und der seelischen Erhebung gesetzlich geschützt“. Das klinge für ihn nicht mehr zeitgemäß, so Adrian.

Auswirkungen weit über den Handel hinaus

Mit der DIHK legt also einer der Spitzenverbände der Deutschen Wirtschaft nahe, den Schutz des arbeitsfreien Sonntags kurzerhand aus der Verfassung zu streichen. Die Umsetzung einer derart radikalen Forderung hätte Auswirkungen nicht nur auf die Arbeits- und Lebensbedingungen der Menschen im Einzelhandel, sondern auch auf alle anderen Berufe und Branchen. Die Streichung des Sonntagsschutzes aus dem Grundgesetz würde kaum auf den stationären Handel begrenzt bleiben. Wäre der Damm einmal gebrochen, könnten alle anderen Branchen ebenso Sonntagsarbeit einfordern. Kundinnen und Kunden, die es bequem fänden, sonntags öfter shoppen zu gehen, müssten dann vielleicht schon bald selbst sonntags arbeiten.

Nebelkerzen für die Öffentlichkeit

Viele Aussagen derjenigen, die den Sonntag am liebsten zum Shopping- und Arbeitstag machen wollen, sind eher Nebelkerzen als Argumente:

  • Es ginge um Rechtssicherheit, heißt es – dabei haben die Gerichte alle juristischen Fragen rund um das Thema Sonntagsöffnungen längst rechtssicher geklärt, wenn auch nicht im Sinne mancher Handelsverbände.
  • Es ginge um die Freiheit der Händlerinnen und Händler – dabei setzen verkaufsoffene Sonntage aufgrund des Konkurrenzdrucks viele Läden unter Zugzwang mitzumachen, selbst wenn sich die Sonntagsöffnung für sie gar nicht lohnt.
  • Es ginge um die Lockerung des starren Ladenschlusses – dabei ist der Ladenschluss bereits so oft gelockert worden, dass die Unternehmen die möglichen Öffnungszeiten gar nicht mehr ausschöpfen.
  • Und es ginge um Gleichberechtigung der stationären Händler gegenüber dem Onlinehandel – dabei gilt der Sonntagsschutz ebenso für Amazon und Co., die sonntags auch keine Bestellungen bearbeiten, Waren kommissionieren oder Pakete ausliefern dürfen.

Mehrheit ist für den Sonntag

Aber auch mit solchen Luftnummern lässt sich ein Sommerloch füllen. Die verbale Attacke auf die „seelische Erhebung“ hat wieder einmal eine mediale Debatte um Sonntagsschutz und Ladenschluss angestachelt. Müssen wir uns also Sorgen machen? Gehört der Sonntag womöglich bald nicht mehr der Familie, sondern der Wirtschaft? Nicht mehr der Kultur, dem Sport, der Erholung, der Gemeinschaft und dem Glauben, sondern dem schnöden Wirtschaftsdenken?

Davor ist glücklicherweise die Zweidrittel-Mehrheit gesetzt, die es im Bundestag und Bundesrat für eine Grundgesetzänderung bräuchte. Die ist bislang nirgends in Sicht. Und auch in der Bevölkerung gibt es derzeit – laut aktueller YouGov-Befragung – weiterhin eine repräsentative Mehrheit für die Bewahrung des Sonntags (50 Prozent pro Sonntag, 43 Prozent pro Sonntagsshopping). Wenn man aber bedenkt, welche empfindlichen Folgen eine Streichung des Sonntags aus dem Grundgesetz für alle hätte, sollte diese Mehrheit noch viel deutlicher sein.

Zitate zur aktuellen Debatte:

Wenn der Sonntag zu einem gewöhnlichen Werktag wird, verliert unsere Gesellschaft einen Tag, der bewusst anders ist. Als ev.-luth. Kirche in Bayern setzen wir uns für seinen Schutz ein – weil wir überzeugt sind: Menschen brauchen verlässliche Zeiten der Ruhe. Der Sonntag durchbricht die Logik, dass immer gearbeitet, gekauft oder geleistet werden muss. Er schenkt einen gemeinsamen Rhythmus von Arbeit und Erholung, Zeit für Familie, Freundschaften, Begegnungen und für Gott. Sonntags feiern wir darum Gottesdienste. Aus christlicher Sicht gehört dieser Rhythmus zu einem guten Leben. Denn der Mensch soll nicht ununterbrochen funktionieren.

(Christian Kopp, evangelischer Landesbischof in Bayern)

 

Der Sonntag ist für die Beschäftigten der einzige verlässlich planbare freie Tag, an dem Zeit für körperliche und mentale Entlastung in diesem anstrengenden Job bleibt. Längere Ladenöffnungszeiten bringen nicht mehr Umsatz und auch keine lebendigen Innenstädte, wie jetzt wieder argumentiert wird. Im Gegenteil: Sie sind ein starkes Instrument im Verdrängungswettbewerb der großen Handelskonzerne. Sie führen zur Verlagerung von Umsätzen vom Land hin zu den Städten und von kleinen mittelständischen Betrieben hin zu den Handelsriesen, die Sonntagsarbeit viel leichter organisieren können.

(Silke Zimmer, Mitglied im ver.di-Bundesvorstand) 

 

Gerade weil heute online ohnehin rund um die Uhr eingekauft werden kann, braucht die analoge Welt bewusste Grenzen. Der Sonntag ist eine solche Grenze – als gemeinsamer Zeitraum für Erholung statt für noch mehr Konsum.
(Stefan-Bernhard Eirich, KAB-Bundespräses)

Bildquelle: canva.com via kda Bayern